Freitag, 13. Mai 2016

Gemeinsame Entscheidungen: Nachhaltig oder Agil?

Seit gut zwei Jahren übe und arbeite ich mit soziokratischer Gesprächsmoderation, die alle in der Gruppe in Meinungsfindung und Entscheidungen mit einbezieht,  und gleichzeitig effiziente Meetings erlaubt.

Dabei sehe ich als einen Vorteil der Methode,  dass Soziokratie nachhaltige Entscheidungen ermöglicht. Gleichzeitig schafft sie auch den Rahmen, kreative Lösungen zu suchen, die für alle passen, und vielleicht zeitlich begrenzt werden, also Experimente und Feedback erlauben.
Ist das agil?

Und sind agil und nachhaltig gleichzeitig möglich?


Mehr zur Soziokratie finden Sie auf der Seite des österreichischen Soziokratie-Zentrums, und auch bei BenE München, wo wir in der Arbeitsgruppe Soziokratie  das Thema im Rahmen der Bildung für Nachhaltigen Entwicklung vorantreiben. Wir führen auch Informationsveranstaltungen durch und organisieren Ausbildungen. Wir tauschen uns auch in einer Lerngruppe aus und sind auf dem Weg zur Zertifizierung.

Was heißt agil? 

Bei agiler Software-Entwicklung oder agilem Projektmanagement ist es unter anderem wichtig, schnell (agil) auf Feedback zu reagieren: passt das bisherige Ergebnis und sind die Randbedingungen noch die Gleichen wie beim Start?
Das funktioniert so, dass nicht alle Features und Funktionen in voller Schönheit eingebaut werden, sondern dass eine lauffähige Version hergestellt wird (mit den Funktionen die dem Kunden gerade am meisten nutzen), und sich schnell und regelmäßig Feedback zu holen.
Im Entwicklungs-Team gibt es alle 24 Stunden Feedback, wie der Stand der einzelnen Aufgaben ist. Nach jedem Sprint (z.B. 30 Tage) gibt es Feedback vom Auftraggeber zum Produkt.

Von Scrum_process.svg: Lakeworksderivative work: Sebastian Wallroth (talk) - Scrum_process.svg,
CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10772971

Wie lässt sich das auf Entscheidungen anwenden? 

Entscheidungen erzeugen Aktionen. Jemand wird mit einer Aufgabe betraut. Wenn sie/er bei der Ausführung feststellt, dass die Annahmen bei der Entscheidung nicht korrekt waren, und er die Aufgabe so nicht ausführen kann, ist dieses Feedback sehr wichtig. Nur dann kann der Auftrag verändert werden.

Wie werden soziokratische Entscheidungen agil?

Schauen wir uns ein ganz einfaches Beispiel an - die Gruppe wählt einen Bodenbelag im Büro aus.

Das Thema wird im Kreis nach einem festgelegten Prozess diskutiert, so dass jeder dran kommt, und wir uns erst darum kümmern, dass wir ein gutes Bild vom Thema haben, bevor wir Meinungen austauschen. Aus den Meinungen zeichnet sich dann ein Vorschlag ab, den der Moderator zum Konsent stellt.

Mehr Details: http://www.soziokratie.at/ueber-soziokratie/grundlagen/

Dabei fragt der Moderator, ob es schwerwiegende Einwände gegen den Vorschlag gibt. Dabei ist wichtig, dass

  • der Vorschlag im Sinne des Ziels der Gruppe oder des Meetings betrachten wird - das fokussiert und qualifiziert die Bedenken.
    Wir konzentrieren uns also auf das Büro, auch wenn wir zuhause den Belag nicht gut heißen würden. 
  • nicht jeder mit dem Vorschlag "einverstanden" sein muß - solange er keinen schwerwiegenden Einwand hat, und mit dem Vorschlag "leben" kann, ist das ein Konsent.
    Beim Beispiel mit dem Bodenbelag kann man damit auch Farben zustimmen, die nicht die eigenen Lieblingsfarben sind.
  • der Vorschlag nicht perfekt sein muß - sondern "gut genug für jetzt" und wir uns sicher genug fühlen, es auszuprobieren.
    Beim Bodenbelag könnte man ja in einem Bereich ausprobieren, wie ein Belag passt, und wenn es nicht funktioniert, die Entscheidung ändern oder rückgängig machen.
Im letzten Punkt sehe ich die Analogie zum empirischen Ansatz bei agilen Methoden, also dem Überprüfen und Anpassen bei SCRUM: Wir entscheiden uns für etwas für bestimmten Zeitraum, tun etwas, holen uns Feedback, und passen das Tun bei Abweichungen an.


Ich hoffe, das Beispiel zeigt, dass Konsent-Entscheidungen in der Gruppe durchaus agile Elemente enthalten.  Ob das nun einer strengen Definition genügt, ist mir nicht ganz so wichtig, sondern ich will darauf hinaus, dass diese Art von Entscheidungen Experimente und Feedback erlauben.

War das Beispiel zu primitiv?  Pieter van der Meché und Jutta Eckstein haben 2015 einige Praxis-Beispiele auf InfoQ beschrieben.


Was hat das jetzt mit nachhaltig zu tun? 


Das hängt von der Definition von Nachhaltigkeit ab. 
Umgangssprachlich ist eine nachhaltige Entscheidung eine, die länger bestehen bleibt. 

Eine einfache Definition von Nachhaltigkeit ist:
langfristig handeln und Anspruchsgruppen einbeziehen.


Mehr Definitionen und meine Interpretationen finden Sie in einem anderen Blog-Eintrag.


Die Anspruchsgruppen einbeziehen ist in der soziokratischen Moderation und Entscheidungsfindung gewährleistet: 
  • Profit: Da bei der soziokratischen Methode die Interessen des Einzelnen und der Organisation berücksichtigt werden, wird der geschäftliche Erfolg bei Unternehmen mit berücksichtigt.
  • People: Alle in der Gruppe entscheiden mit. Durch die doppelte Verknüpfung (siehe oben) sind in soziokratischen Organisationen die übergeordneten Kreise und die untergeordneten Kreise mit einbezogen. 
  • Planet: Der Planet kann über NGOs, die seine Interessen vertreten, in die soziokratische Organisation mit einbezogen werden, wenn das für die Organisation relevant ist. 

Sind Entscheidungen, die Experimente wagen und auf Messungen reagieren, nun nachhaltig?

Die einzelne Entscheidung, die unter Einbeziehung der relevanten Anspruchsgruppen getroffen wurde, kann ein Experiment sein: Wir tun x, für den Zeitraum y, und messen was es für Auswirkungen hat. Wenn die Auswirkungen nicht mit unseren Randbedingungen übereinstimmen, passen wir x oder y an. 
Man kann also sagen, dass die einzelne Entscheidung nicht nachhaltig ist, weil sie nicht langfristig ist, allerdings ist das gesamte Vorgehen nachhaltig: Wir tun nicht nur einmal etwas, sondern passen es immer wieder an die Randbedingungen an.

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