Freitag, 4. März 2016

Gemeinsam effektiv und nachhaltig Entscheiden

Wer entscheidet bei Ihnen? Der Chef? Dann brauchen Sie hier nicht weiterlesen.

Wenn eine Gruppe entscheidet, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten das zu tun: Mit Mehrheitsentscheid, Konsens, Konsent oder Systemischem Konsensieren - und sicher noch einige mehr.

Wie kann gemeinsames Entscheiden effektiv und leicht sein?
Wie können die Entscheidungen tragfähig und damit nachhaltig sein?
Und die Motivation und den Teamgeist in der Gruppe verbessern?


In diesem Beitrag geht es um den Konsent aus der Soziokratie und um das Systemische Konsensieren. Wir stellen diese beiden Methoden vor und vergleichen sie mit den bekannten Methoden Mehrheitsentscheid und Konsens.

Für das Konsensieren unterstützt mich heute Bernd Bötel als Co-Autor. Danke Bernd!




Fragen wir mit bekannten Methoden an: Mehrheitsentscheid und Konsens.

Die Mehrheitsentscheidung kennen wir aus vielen Gelegenheiten: Die Mehrheit gewinnt. Wenn es mehr als zwei Lösungsvorschläge gibt, kann auch eine relative Mehrheit die Abstimmung entscheiden. Das bedeutet, dass eine absolute Mehrheit verliert. Das verbessert den Teamgeist nicht.

Viele empfinden daher den Konsens als fairer und demokratischer.
Konsens heisst, alle müssen zustimmen. Das heißt aber auch dass eine Person alleine die Entscheidung verhindern oder verzögern kann. Das ist nicht gerade effektiv und leicht.

Eine ganz einfaches Beispiel - oder?

Als Beispiel für eine Entscheidung nehmen wir hier eine "einfache" Situation: Wir wollen einen regelmäßigen Termin vereinbaren, für ein Arbeitstreffen, für einen Yogakurs im Sportverein, für eine After-Work-Party - solche Situation gibt es oft.

Wenn wir einfach mit Handzeichen abstimmen lassen, welcher Tag es denn jetzt sein sollen, kann es vorkommen, dass es keine große Mehrheit gibt - tatsächlich ist es bei dieser Art von Entscheidung recht wahrscheinlich.



Also machen wir das Treffen am Dienstag. Prima. Wir haben es in der Gruppe entschieden. Das ist doch gerecht, oder? Das Leben ist schließlich kein Wunschkonzert.
Für den Dienstag haben sich 22% entschieden. Diese 22% bestimmen jetzt. Wie geht es den anderen 78%?

Wenn wir jetzt das Ergebnis per Konsens erreichen wollen, haben wir noch viel Diskussion vor uns.
Mit dem Systemischen Konsensieren können wir dem Konsens näher kommen, ohne dass Einzelne die Entscheidung verhindern oder dass wir endlos diskutieren.

Wie machen wir jetzt das Leben zum Wunschkonzert?

Beim Systemischen Konsensieren messen wir nämlich nicht die Zustimmung, sondern den Widerstand gegen jeden Vorschlag: Habe ich z.B. gegen Dienstag einen Widerstand? Den Widerstand können wir z.B. mit den Fingern von 0 bis 10 anzeigen:

  • 0, also kein Widerstand: Dienstag ist prima
  • Zwischenwerte nach Gefühl
  • 10, also großer Widerstand: Das geht gar nicht

Dann könnte es Überraschungen geben:



Für Dienstag gibt es zwar die meiste Zustimmung (22%), aber auch den größten Widerstand (über 60%!). Der Dienstag würde also viel Unmut erzeugen.

Ein kleiner Vergleich mit der üblichen Praxis: Meine Erfahrung bei der Mehrheitswahl ist, dass ich bei Unentschlossenheit eigentlich beliebig mit ja, nein oder Enthaltung stimme - weil es mir egal ist.

Die Frage beim Systemischen Konsensieren nach dem Widerstand zeigt ein viel klareres Bild darüber, wo die Bauchschmerzen oder die Zufriedenheit liegt. Wenn es mir egal ist, bewerte ich einfach jeden Vorschlag mit Null Widerstand.




Das wäre dann hier der Mittwoch. Da gibt es nur 25% Widerstand.

25% Widerstand ist kein Konsens. Wie können wir alle ins Boot holen und Lösungen finden, die für möglichst alle passen? Hier kann die Gruppe kreativ an weiteren Vorschlägen arbeiten. Das wird meist gelingen, weil die Haltung der Gruppe weg vom "wir-gegen-die" (Zustimmende und Gegner) zu "wir-alle" geht: Wir wollen einen guten Vorschlag für alle finden.



Wie funktioniert das in der Soziokratie, mit einem Konsent? Eine Entscheidung im Konsent zu treffen heisst zu fragen ob es einen schwerwiegenden Einwand gegen eine Lösung gibt. Das wäre im obigen Beispiel der letzte Punkt - "das geht gar nicht".

Hier unterschieden sich Systemisches Konsensieren und Soziokratie:
Bei der Soziokratie kann ein Einzelner die Entscheidung aufhalten und sogar verhindern. Wenn ein schwerwiegender Einwand kommt, wird nach ein neuer Vorschlag gesucht, der die Bedenken ausräumen könnte.
Da die Haltung der Gruppe meist ist, dass ein schwerwiegender Einwand eine Bereicherung ist, und der bisherige Vorschlag noch nicht gut genug ist (also nicht persönlich genommen wird), kommt auch hier die Kreativität der Gruppe zum Tragen, gemeinsam nach einem besseren Vorschlag zu suchen.

Bei beiden, dem Systemischen Konsensieren und der Soziokratischen Gesprächsmethode, gibt es einen Moderator, der die Gruppe im Prozess und im Sinne des Ziels der Runde unterstützt.

  • Beim Systemischen Konsensieren ist der Moderator neutral, und konzentriert sich auf das Führen durch den Prozess. 
  • Bei der Soziokratie unterstützt der Moderator die Gruppe auch dadurch, dass er Vorschläge aus den gehörten Meinungen konstruiert. Die Entscheidung liegt in beiden Fällen bei der Gruppe.


Wer Soziokratie ein wenig kennt, kommt vielleicht auf die Idee, dass wir hier Äpfel mit Birnen vergleichen: Die Soziokratie ist eine Organisations- und Gesprächsform, das Systemische Konsensieren ist eine Entscheidungsform. Das kann man gut in diesem Bild sehen:



Die Soziokratie hat also "mehr" zu bieten als die Systemische Konsensierung, wenn es um offene Wahl, der Organisation im Kreis, und der doppelten Verknüpfung von Kreisen geht.
Unser Thema hier ist allerdings Nummer 2: Entscheidung.

Man muss auch klar sagen, dass die Form des Konsent auf Kreise mit einer bestimmten Anzahl von Personen begrenzt ist: bei mehr als 20 Personen ist der Ablauf im Kreis schwierig.
Das Systemische Konsensieren ist auch für sehr große Gruppen möglich - zum Beispiel mit einem Online Tool unter http://konsensieren.eu.
Da würde das Wochentag-Beispiel (mit "echten" Werten) wie folgt aussehen:


Effektive Entscheidungen

Wodurch wird die Entscheidung beim Systemischen Konsensieren und bei der soziokratischen Gesprächsmoderation effektiv? 
  • Durch den Moderator
  • Durch die Fokussierung auf ein gemeinsames Ziel
  • Zusätzlich beim Systemischen Konsensieren:
    • Durch die Messung des Widerstands gegen jeden Vorschlag
  • Zusätzlich bei der Soziokratie:
    • Durch die Gespräche im Kreis
    • Durch die Unterscheidung zwischen Grundsatzbeschluss und Ausführungdetail
    • Durch Delegation und Vertagung, wenn nicht alle Voraussetzungen vorliegen 
Zur Verdeutlichung haben wir zwei Ablaufbilder eines Meetings erstellt - orange für das Systemische Konsensieren, blau für die soziokratische Methode:


Systemisches Konsensieren (orange ausgefüllt: schnelle Variante)

Soziokratische Moderation (blau ausgefüllt: schnelle Variante)

Bei beiden ist die Fokussierung auf ein zu erreichendes Ziel ein wichtiges Mittel für die Effektivität.

Nachhaltige Entscheidungen

Was bedeutet nachhaltig in diesem Zusammenhang? Dass die Entscheidung langfristig funktioniert und dass die Auswirkungen auf die Betroffenen berücksichtigt werden.

Wir sehen diese beiden Aspekte in beiden Entscheidungsmethoden als gegeben.


Zusammenfassung

Wann wende ich die soziokratische Gesprächsmethode oder Systemisches Konsensieren an? 

Gemeinsame Vorteile gegenüber Mehrheitsentscheidungen oder Konsens:
  • Schnelle und einfach anwendbare Entscheidungsmethoden
  • Gerechter als Mehrheitsentscheidung, effektiver als Konsens
  • Unterstützen Kreativität bei gemeinsamer Lösungsfindung
Vorteile Systemisches Konsensieren:
  • Wirkt Konfliktlösend
  • Annäherung an den Konsens durch Winderstandsmessung
  • Abfrage von Widerständen macht Vorschläge vergleichbar
  • Widerstand gegen Status Quo wird ebenfalls gemessen
  • Vorschlag mit dem geringsten Widerstand wird gewählt - kein Veto möglich
  • Beliebige Größe der Gruppe möglich
Vorteile soziokratische Gesprächsmethode (Konsent):
  • Kreisstruktur: Jeder kommt dran, jeder wird gehört
  • Schwerwiegende Einwände machen Entscheidungen gegen Gruppenmitglieder unmöglich
  • Weisheit und Erfahrung der Gruppenmitglieder wird genutzt
  • Offene Wahl schafft Wertschätzung, erlaubt Meinungsänderung
  • Organisationsform: Erlaubt Hierarchie und Selbstorganisation

Entscheidende Kriterien für die Auswahl der Methode sind:
  • Gruppengröße > 20: Dann geht nur Systemisches Konsensieren
  • Möchte ich ein Veto zulassen oder nicht 
Und wie erwähnt muss man aufpassen nicht Äpfel und Birnen zu vergleichen: Wir haben uns hier auf Entscheidungen konzentriert. Soziokratie ist auch eine Organisationsform, die auch als Verbindung von Hierarchie und selbstorganisierten Gruppen verwendet werden kann, z.B. bei Agiler Software-Entwicklung. Einen Überblick dazu finden Sie auf InfoQ (auf Englisch).

Mehr Information über Soziokratie finden Sie unter http://www.soziokratie.at (soziokratie.de ist noch im Aufbau), mehr zum Systemischen Konsensieren finden Sie unter http://www.sk-prinzip.eu/ (und dort auch das Online Tool, das wir verwendet haben). 


Ausblick: Offene Wahl aus der Soziokratie

Die soziokratische Wahl von Personen (für genau festgelegte Funktionen und auf Zeit) bietet viele Vorteile von Soziokratie, und ist auch ganz einfach - unabhängig von sonstigen Aspekten der Soziokratie -  anwendbar. 




Besonders die wertschätzende Rückmeldung durch die Erklärung, warum man jemand wählt, und die Möglichkeit, seine Meinung zu ändern wenn man gerade einen wichtigen Aspekt gehört hat, führen zu effektiven und nachhaltigen Wahlen.



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