Montag, 23. März 2015

Gute Produkte mit cradle to cradle - eine Übersicht und persönliche Überlegungen



Wenn es um Nachhaltigkeit in der Produktentwicklung geht, ist der Ton meist davon geprägt, was wir alles tun, das nicht nachhaltig ist.
Das ist verständlich, denn der globale Lebens- und Wirtschaftsstil auf Wachstum und Konsum ausgelegt, und nicht darauf, der nächsten und übernächsten Generation noch genug übrig zu lassen.
Dementsprechend wird der Klimawandel, unser Umgang mit Wasser und nicht-erneuerbarer Energie und mit Rohstoffen oft beklagt, und es wird angemahnt, dass wir uns ändern müssen.


Eine Möglichkeit, uns zu verändern und dabei gute Produkte zu schaffen, ist das "cradle to cradle" Konzept der Kreislaufwirtschaft.



An dem Konzept von Prof. Braungart und William McDonough gefällt mir am meisten, dass sie etwas Positives machen wollen: Nicht Emissionen und damit einen negativen ökologischen Fußabdruck vermeiden, sondern einen positiven Fußabdruck mit Nährstoffen erzeugen! Also nicht "weniger schlecht", sondern "mehr gut". Als Beispiel wird eine Teppichfliese genannt, die vollständig recycelbar ist und das Raumklima verbessert, in dem sie Feinstaub bindet.

Die Bücher kann ich nur empfehlen: wer wegen der heutigen Situation und der Reaktion darauf deprimiert ist, wird in den Büchern wieder zum Positiven geführt.

Das Paradebeispiel aus der Natur für einen positiven Fußabdruck ist ein blühender Kirschbaum, der sehr verschwenderisch mit seinen Ressourcen umgeht. Warum ist das beim Kirschbaum OK und bei unserem Lebensstil nicht?
Weil diese Ressourcen weiter verwendet werden: Nach der Bestäubung sind die Blüten nicht Abfall, sondern Nährstoffe. Die Kirschen sowieso.



Das ist prima, solange es um natürliche Stoffe geht. Für die hat die Natur bereits eine hervorragende Kreislaufwirtschaft. Für technische Stoffe, die in der Natur nicht verrotten, brauchen wir einen eigenen. Und zwar bitte einen, in dem die Rohstoffe erhalten bleiben, und nicht "thermisch verwertet" werden.

Neben den zwei Kreisläufen gibt es die 5 Kategorien der Cradle to cradle Zertifizierung (C2C), auch das "Reinheitsgebot der Industrie" genannt:


  1. Gesunde Inhaltsstoffe - keine Gifte für Natur und Mensch
  2. Wiederverwendbare Rohstoffe: Trennung in biologische und technische Nährstoffe, und Wiederverwertung der technischen - für die biologischen sorgt die Natur.
  3. Erneuerbare Energien: Zur Gewinnung der Rohstoffe, zur Produktion, und zur Wiederaufbereitung braucht man Energie - bitte Sonnenenergie.
  4. Auch das verfügbare Trinkwasser auf der Erde ist endlich: C2C Produkte gehen damit sorgfältig um. Hier gibt es das geflügelte Wort von "Abwässern in Trinkwasserqualität".
  5. Hier geht's um die Menschen. Der fünfte Punkt der C2C Kriterien ist soziale Verantwortung.


Eine schöne Visualisierung zu C2C gibt es vom deutschen C2C eV, aus der Gruppe in Freiburg.



Von omniCert aus Niederbayern gibt es auch eine Variante mit bayerischer Intro - keine Angst, danach geht es hochdeutsch weiter.




Ist C2C mehr als ein schönes Szenario? 

Für ausgesuchte Produktsektoren gibt es bereits C2C Produkte. Oft sind das große Sachen wie Teppiche für Industriegebäude oder Sitzbezüge im Flugzeug. Da die Hersteller am Ende der Nutzung die Waren zurückbekommen, können sie hochwertige Materialien einsetzen. 

Es gibt auch ganz kleine Produkte, wie zum Beispiel Stifte, Papier und Drucksachen - ohne zu wissen habe ich Recyclingpapier von Steinbeis gekauft, dass ein C2C Silber Zertifikat hat. 




Auch meine Frau nutzt ein C2C Produkt: Einen Reiniger von Frosch.

Ich konnte 2014 etliche C2C Produkte am Stand von omniCert auf der Umweltmesse in Landshut bewundern (mehr im omniCert blog).

Alle zertifizierten Produkte findet man beim C2C Product Innovation Institute. In Deutschland startet gerade cradlelution.de ein online Shop mit C2C Produkten.


Sind alle C2C Produkte schon giftfrei, erhalten alle Ressourcen und schützen Klima, Wasser und halten soziale Standards ein? 
Es gibt unterschiedliche Zertifizierungen, von Basic bis Platin. Basic heisst, es sind zumindest alle Inhaltsstoffe bekannt und die Firma begibt sich auf den Weg zu C2C. Da mit dieser Basis-Zertifizierung nicht geworben kann (erst ab Bronze), und sie nur ein Jahr gilt, ist dem Greenwashing einigermaßen vorgebeugt.

Interessanterweise stehen weder auf meinen Papier noch auf dem Reiniger meiner Frau ein C2C Label. Bei Frosch liegt es daran, dass noch nicht alle Produkte C2C sind. Der Frosch Citrus Dusche & Bad Reiniger hat das C2C Gold Zertifikat, was ich sehr beeindruckend finde. Für eine positive Darstellung ist C2C wohl noch zu unbekannt und zu wenig vermarktet.

Meinungen

Ich beschäftige mich seit etwa 2014 mit C2C und habe einige Meinungen gehört, warum C2C nicht perfekt ist. Diese Meinungen möchte ich hier mit meinen Gedanken dazu darstellen.
  • Erst mal muss man verstehen, was in den Produkten alles für Stoffe drin sind, alle Gifte entfernen,  und alle 1-2 Jahre überprüfen. Weiss der Hersteller, was drin ist? Wie repräsentativ ist eine Untersuchung nur im Labor?
    Ein sicher komplexes Beispiel ist die Lieferkette von Nager IT (die die faire Maus herstellen). Der Fokus bei Nager IT liegt auf den Arbeitsbedingungen, und die in einer globalen Lieferkette zu ermitteln ist mit Arbeit verbunden.
  • Man kann bei C2C natürlich auch erst mal klein anfangen: Wenn für Hilfsstoffe C2C eingeführt wird, z.B. für Öle, bei denen der Transportbehälter dem Hersteller gehört und er vom Kunden nur geliehen wird, vereinfacht das die Wiederverwertbarkeit, und man so erste Erfahrungen sammeln.
  • Dann biologische und technische Stoffe trennbar machen und die technischen recyclen. Dafür braucht man eigene Rücknahmesysteme oder muss andere nutzen. Auf der Umweltmesse habe ich ein Stofftier gesehen (C2C Bronze Zertifikat), das über I:CO (I collect) zurückgenommen wird. Das ist für Textilien und Stofftiere eine Lösung. Für andere Branchen braucht es andere.
  • Ein Unterschied von C2C zum "normalen" Recycling ist, dass die Rohstoffe direkt  zum Hersteller zurückkommen. Wenn das Produkt entsprechend designed ist, können sie ohne viel Energie-Aufwand in der Produktion wieder verwendet werden, müssen also nicht zum Rohstoff wieder-aufbereitet werden. Dazu braucht es natürlich einen funktionierenden Kreislauf. Das geht bei langlebigen und hochpreisigen Produkten am besten. Wenn das Produkt nicht verkauft wird, sondern nur zur Nutzung bereitgestellt ist, ergeben sich auch neue Marktmöglichkeiten.
  • Auch bei den biologischen Stoffen brauchen wir eine Kreislauf-Logistik - einfach auf die Straße werfen ist nicht hilfreich, und nicht jeder hat einen Garten mit Kompostbedarf. Erneuerbare Energien, Wassermanagement und soziale Standards sollten auch unabhängig von C2C wichtig sein.
  • Ein Einwand zu C2C, den ich mal gehört habe, war: Wenn alles im Kreislauf bleibt, dann auch alle Gifte. Die Antwort ist: Deswegen sind C2C Produkte (ab Bronze) giftfrei.
  • Es ist sehr schwer, seine Produkte auf C2C umzustellen.
    Das hängt vom Produkt ab, und ich stimme zu, da ist schon einiges zu tun. Nachträglich lässt sich C2C schwer(er) einführen, bei neuen Produkten sollte C2C gleich im Design berücksichtigt werden. Auch wenn nicht alles sofort umsetzbar ist, kann man im Design die Weichen für spätere Verbesserungen stellen.
  • Ewiges Wachstum durch einen positiven Fußabdruck ist auf einem endlichen Planeten nicht machbar - das ist in dieser extremen Formulierung richtig.
    Wenn allerdings alle technischen Stoffe im Kreislauf bleiben, ist ein Wachstum auf jeden Fall nachhaltiger als heute. Wachstum durch Konsum und Verbrauch wird auch mit C2C nicht für immer funktionieren.
    Allerdings haben wir ausreichend Bedarf für natürliche biologische Nährstoffe - als Humus und vollständig verwertbarer Dünger. Der Humus auf unseren Ackerflächen schwindet dramatisch schneller als die Natur ihn alleine aufbauen kann.
Wie seht Ihr das? Welche Argumente für und wider gibt es noch? Ich würde mich über eine Diskussion sehr freuen.

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