Montag, 30. Juni 2014

Aufbäumen im Bergwald-Projekt: Eine Woche fürs Klima und für den Wald arbeiten

Das Bergwaldprojekt setzt sich für die Erhaltung und Aufforstung von Wäldern u.a. in Deutschland ein. 


Dabei steht nicht unbedingt das Pflanzen von neuen Bäumen für mehr CO2-Bindung im Vordergrund, sondern eher das nachhaltige Erhalten von Wäldern. Auch das ist für das Klima gut. Gerade die Schutzfunktionen des Bergwalds sind für die Menschen wichtig, die dort leben oder ihn in ihrer Freizeig genießen wollen: Er speichert Wasser, gleicht Temperaturen aus, und sichert vor Hochwasser, Steinschlag und Erosion. Beim Bergwaldprojekt haben schon 20.000 Leute freiwillig gearbeitet, seit letzter Woche gehöre ich dazu.




Im Bergwald ist langfristiges Wirtschaften und Planen notwendig - nicht von ungefähr stammt die Definition von Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft. Im Bergwald sind die Auswirkungen des Klimawandels - mehr oder weniger Feuchtigkeit, steigende Temperaturen, mehr Stürme - und der Globalisierung - Schädlinge aus aller Welt - schneller zu bemerken als in der Stadt oder in der Landwirtschaft.

Der Wald gehört zur Landschaft meiner Heimat Bayern: Ob im Alpenvorland oder im Gebirge, hat er für mich einen hohen Freizeit- und Erholungswert. Holz ist ein nachhaltiger, natürlicher Bau- und Brennstoff - klimaneutral ist Heizen mit Holz erst dann, wenn man nicht mehr verbraucht als nachwächst. Gerade beim Nachwachsen und bei der Pflege hilft das Bergwaldprojekt mit seiner Freiwilligenarbeit den Förstern.



Wie läuft so eine Woche ab? 15-20 Freiwillige mit einem Projektleiter und einem Koch leben in einer Hütte, und arbeiten hart im Wald. Außer mir waren nur Wiederholungstäter dabei. Wir haben uns mit Steigbau, Hochsitzbau und Waldpflege beschäftigt.
Ich wollte in meiner Heimat bleiben, und da passte das Bergwaldprojekt Schliersee ganz gut - die Gegend am Wendelstein kenne ich gut und ich fand es passend, meiner bevorzugten Freizeitgegend etwas zurück gegen zu können. Ich wollte im Wald arbeiten, den Wald erleben und etwas für den Wald tun.

Der erste Eindruck von der Hütte war gemischt: zum einen enttäuscht, weil sie bei Bayrischzell in der Nähe der Straße liegt, statt romantisch irgendwo abgeschieden in der Höhe am Schliersee. Zum anderen war sie recht luxuriös für Bergwald-Verhältnisse, mit ausreichend Platz, Mehrbettzimmern statt Schlafsaal, zwei Toiletten, Warmwasserdusche, und nah genug an der Zivilisation, so dass wir das Fußballspiel der deutschen Mannschaft bei der WM in Bayrischzell anschauen konnten. Der Brunnen und die Sitzgelegenheiten vor dem  Haus waren recht gemütlich.



Wie sieht ein Arbeitstag aus? Um 6 Uhr aufstehen. Das Frühstück haben Koch, Projekt- und Gruppenleiter schon fertig gemacht. Wir essen gemeinsam. Bis um 7:30 sind wir dann alle fertig und fahren mit zwei Kleinbussen des Bergwaldprojekts los. Am Ende der Forststraße heißt es dann, mit Werkzeug, Proviant für zweites Frühstück und Mittagessen zum Einsatzort hoch zu laufen. Diese Mahlzeiten nehmen wir im Freien ein, auf einer Plane mitten im Wald sitzend. Es gibt bio- und vegetarische Vollwertkost. Im Freien, nach getaner Arbeit, schmeckt das doppelt gut.
Wir sind für die Arbeit im Freien, am Berg, bei Wind und Wetter ausgerüstet: Bergschuhe, Arbeitshose, Regenhose, Regenjacke, Arbeitshandschuhe. Insgesamt arbeiten wir ca. 6-7 Stunden am Tag. Das ist für einen Couchpotato wie mich anstrengend genug. Das schöne an der Bergwaldprojekt-Arbeit ist, dass man sehr schnell sieht, was man geleistet hat: Der Steig ist deutlich länger geworden, der Wald entsprechend gelichtet, der Hochsitz fertig gebaut.

Um 17 Uhr ist dann Feierabend. In der Hütte wird die Reihenfolge beim Duschen ausdiskutiert, und die anderen warten beim Bier auf das Abendessen um 19 Uhr. Unser Koch hat uns mit seinen vegetarischen Kompositionen jeden Tag aufs Neue überrascht, Fleisch haben wir nicht vermisst. Für 18 Leute zu kochen, ist eine andere Dimension als im normale Haushalt.




Danach sitzen wir zusammen, gegen 22 Uhr sind die meisten im Bett.

Montag bis Mittwoch haben wir Steige gebaut. Die sind nicht für die Wanderer gedacht, sondern für die Förster und Jäger, die zu jeder Jahreszeit mit Werkzeug oder Beute hoch- und runter müssen. Wir haben einen alten Steig, der vielleicht vor 10-15 Jahren angelegt wurde, verbreitert und wieder benutzbar gemacht. Dazu schwingt man die "Haue", um Erde (einfach), Wurzeln (sehr viele) und Steine (das prellt gut) abzuräumen und einen 30-50 cm breiten Steig anzulegen. Je nach Gelände sind Stufen, Serpentinen und Kehren notwendig.


Ich war am Montag Mittag bereits mit meinen Kräften am Ende. Die muss man sich gut einteilen, schließlich wird der Steig immer länger und auch das rauf- und runterlaufen braucht noch Kraft und Sicherheit. Allerdings haben alle gesagt, dass unser Steig einer der schwierigsten war, die sie bisher gebaut hatten. Nachmittags taten wir nur noch das, was kräftemäßig noch drin war, kamen aber doch voran. Am Mittwoch war unser Steig so lang, dass wir 22 Minuten lang, ziemlich bequem und sicher, runterlaufen konnten. Da haben wir etwas geleistet!



Am Dienstag habe ich mich dann zum Hochsitzbau gemeldet.
Jagen ist im Bergwald wichtig, da das Wild aufgrund von "falscher" Politik in den letzten 100 Jahren ziemlich zugenommen hat und natürliche Feinde wie Wolf und Bär so selten sind, dass sie eher große Schlagzeilen machen als den Wildbestand regulieren (und ebenfalls abgeschossen werden, ob nun aus Versehen oder nicht). Das Wild frisst die Spitzen der Bäume ab. Außer den Fichten überleben das wenige, und Fichten erfüllen mit ihren Flachwurzeln die Schutzfunktion nicht so gut. Gut durchforstete Wälder, d.h. alte und junge Bäume, in der für die Höhe und das Klima richtigen Mischung, findet man nur dort, wo ausreichend gejagt wurde, oder Bereiche eingezäunt wurden.
Das Bauen von Hochsitzen im Regen war körperlich weniger anstrengend. Mit der richtigen Säge und etwas Übung ging das Zuschneiden ganz gut, beim Nageln mit 8cm und 12cm langen Nägeln sah man deutlich, wer dafür ein Händchen hatte oder nicht. Insgesamt hat die ganze Gruppe 6 Hochstände an 2 Tagen gefertigt.





Der dritte Teil der Arbeiten war dann die Waldpflege. Das bedeutet, die "richtigen" Bäume zu fördern, also die anderen abzuschneiden. Das klingt zuerst seltsam, macht aber viel Sinn: wenn sich zu viele Bäume gegenseitig behindern, zu viele Laubbäume im Bergwald den wichtigen Bäumen wie Tanne oder Kiefer das Licht wegnehmen, greift der Förster ein. Das macht er inzwischen seltener und lässt die gefällten Bäume meist liegen. Das ist anders, wenn nach heftigen Stürmen viel Holz liegt und der Borkenkäfer kommt, da ist dann höchste Eisenbahn. Ansonsten tut das abgestorbene Holz dem Ökosystem Wald gut.



Am letzten Tag haben wir noch einen Ausflug mit dem Förster zur Lawinenverbauung oberhalb der Straße zum Spitzingsee gemacht. Dieses Mal sind wir wir ohne scharfe Werkzeuge durch den Wald gelaufen.
Dort oben kann der Schutzwald seine Funktion nicht mehr wahrnehmen und muss mit technischen Verbaungen unterstützt werden. Hier sieht man wieder deutlich, wie langfristig und nachhaltig im Wald gearbeitet werden muss.

Das Fazit nach 5 Tagen Arbeit: es ist anstrengend, der gewohnte Komfort bleibt auf der Strecke. Es tut gut, etwas sinnvolles zu tun, und am Ende des Tages zu sehen, was man gemeinsam geleistet hat.
Meine Beziehung zum Wald ist auf jeden Fall intensiver geworden. Wie lange mein Wissen über den Wald anhält, ist eine andere Geschichte.
Die Zeit im Wald und mit der Gruppe macht Spaß. Die freiwilligen Helfer, der Projektleiter und Koch wurden ja zufällig zusammengewürfelt, durch das gemeinsame Interesse am Wald kamen wir super mit einander aus und ich denke, es wurden einige Freundschaften geschlossen.



1 Kommentar :

  1. Ein Filmbeitrag über diese Woche findet sich in der ZDF Mediathek unter http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/2205214/Urlaub-%E2%80%93-die-gro%C3%9Fe-Illusion, ab der 14. Minute geht es los

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